In letzter Zeit finden in Berlin zunehmend interessante und gut besuchte Vorträge zum Thema “Hochsensibilität/Hochsensitivität” statt. Die Referentin Cordula Roemer erklärt sehr anschaulich, zum Teil wissenschaftlich, und auch aus eigener Erfahrung berichtend, was es für Menschen bedeutet, hochsensibel zu sein.
Da diese Veranlagung noch sehr wenig bekannt ist, stoßen solche Menschen in unserer Gesellschaft oft auf Schwierigkeiten, da sie aufgrund einer genetisch oder erblich bedingten Veranlagung alle Umweltreize intensiver aufnehmen, und infolge dessen auch ihr Gehirn eine längere Verarbeitungszeit für diese Reize braucht (siehe auch ein früherer Artikel: HIER ).
Frau Roemer belegt dies anhand von Forschungen der Psychologen Elaine Aaron (1990) und Iwan Pawlow (1849-1936). Letzterer hat bereits im 19ten Jahrhundert Forschungen zur Reaktion von Säuglingen auf Reize durchgeführt, bei denen sich eine stark abweichende Gruppe von der Normalverteilung ergeben hat, die enorm viel früher auf die Reize reagierte als die durchschnittliche Gruppe. Leider wurde damals dieses Phänomen nicht ausreichend beachtet.
Dies geschah erst in den 1990er Jahren, als Elaine Aaron, klin. Psychologin aus den USA, sich des Phänomens annahm. Von ihr gibt es inzwischen zahlreiche Bücher auch in deutscher Sprache. Durch diese Literatur entdeckte Cordula Roemer 2007 ihre eigene Hochsensibilität und suchte im Raum Berlin nach Ansprechpartnern, die sie nicht fand. So forschte sie selbst weiter und es ist ihr heute ein Anliegen, andere Menschen dabei zu unterstützen, sich selbst und ihr Umfeld in Bezug auf Hochsensibilität besser zu verstehen.
Bisher sind hochsensible Menschen oft in einer Therapie-Situation zu finden, weil sie sich vom Leben überlastet fühlen, oder ihren Alltag schwer bewältigen können. Andererseits birgt Hochsensibilität jedoch auch eine ganze Reihe von Fähigkeiten, die bisher zwar meist verkannt, aber in unserer immer lauter, bunter und rasanter werdenden Welt durchaus nützlich sein könnten:
Hochsensible Menschen sind oft sehr einfühlsam, kreativ und nehmen komplexe Situationen oft früher und schneller wahr, durchsachauen diese und könnten Lösungsmöglichkeiten anbieten, bevor die meisten anderen überhaupt wahrnehmen, dass ein Problem auf sie zukommt. Außerdem ist für sie ein Gleichgewicht von Aktivität und Ruhe geradezu erforderlich für eine ausgewogene Gesundheit. Während viele Menschen sich jahrelang hohem Stress aussetzen können, dann aber gesundheitliche Spätfolgen zu erleiden haben, die oft sehr gravierend sind, ist für hochsensible Menschen diese Art der Stressbelastung von vornherein nicht möglich. Dies könnte, wenn es stärker beachtet wird, dazu beitragen, dass die Arbeitswelt insgesamt entspannter und gesundheitsfreundlicher gestaltet wird, was am Ende allen Menschen und auch der Entlastung der Krankheitskosten zugute kommt.
Alles ist Allem sollte dieses wichtige Thema zunehmend mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bekommen, wofür ich mich tatkräftig einsetzen möchte. Unter anderem ist ein gemeinnütziger Verein in Planung, über den Beratungen und Öffentlichkeitsarbeit möglich werden sollen. Die Gründung soll Ende August stattfinden. Bei Interesse an der Beteiligung bitte über das Kommentarfeld melden. Danke!
Literatur zum Thema:
Elaine Aaron: “Sind Sie hochsensibel?” (2005)
“Hochsensibilität in der Liebe” (2006)
“Das hochsensible Kind” (2008)
Susan Marletta-Hart: “Leben mit Hochsensibilität: Herausforderung und Gabe” (2009)